Aktionsgemeinschaft Hardtwald
Home
Unser Vorhaben
Download
Helfende Hände
Bilder
Kermesbeere
Oftersheimer Wald
Presse
Oberreuter Wald
Presse
So finden Sie uns
Impressum
Wir über uns

 

Bekämpfung eines stabilen Kermesbeeren-Bestandes

Seit Sommer 2015 finden entlang des Dünenzugs "Hoher Stein" Bekämpfungsversuche in einem Kermesbeerenbestand der stabilen Phase (C) statt. Die Ziele der dortigen Kermesbeerenbekämpfung sind der Erhalt eines seltenen Weißmoos-Kiefernwaldes und die Erprobung eines möglichst effizienten Systems bei der Zurückdrängung des Neophyten. Die Bekämpfung wird auf der gesamten Dünenfläche (inkl. Puffer) von 24,3 ha angewendet, das Monitoring findet auf der Staatswaldfläche (5,3 ha) an 24 Punkten (F = 50 m2) statt. Es wurde ein 50 m breiter Puffer (P) um den Dünenkörper gelegt, in dem ebenfalls Kermesbeere entnommen wird, um den Sameneintrag in die Monitoringfläche stark zu reduzieren. Somit können die Veränderungen im Phytolacca-Bestand mit der Bekämpfungsmaßnahme korreliert werden. Die Bekämpfung greift im Frühsommer und im Herbst jeweils vor der Fruchtreife auf den Bestand zu. Die Maßnahme wird so oft wiederholt, bis durch die ständige Entnahme der nachwachsenden Pflanzen die Samenbank erschöpft ist und das System von Phase C in Phase A übergegangen ist. Dann kann die Bekämpfung in eine Phase mit deutlich reduziertem Aufwand wechseln. Je nach Entwicklung der Pflanzen können die Zeitpunkte der Bekämpfungsmaßnahmen um mehrere Wochen variieren.

 

Aufgrund der Dominanz der Altpflanzen konnte vor der ersten Maßnahme im Juni 2015 nur an wenigen Monitoringpunkten dichter Keimlingsbewuchs registriert werden. Nach dem Entfernen der alten Kermesbeeren wurde die Samenbank durch Wegfall der allelopathischen Hemmung und durch gesteigerten Lichteinfall aktiviert, die Deckung der Keimlinge stieg an den meisten Messpunkten bis in den September 2015 deutlich an, die Gesamtbiomasse der Population war dabei aber bereits merklich geringer (Abb. 9). Das Gros dieser Keimlinge vermochte es, in der verbleibenden Zeit der Vegetationsperiode Blüten und Früchte auszubilden, und wurde daher abermals entfernt.

Die neue Generation an Kermesbeeren aus der aktivierten Samenbank zeigte im Frühsommer 2016 an den meisten Messpunkten noch dichte Bestände, nur an wenigen Punkten war die Deckung zurückgegangen. Der Bestand im November 2016 dagegen wies deutlich geringer Deckungsgrade auf. Man kann daraus schließen, dass die Samenbank jetzt einzubrechen beginnt und ein Wechsel in Phase B stattfindet.

Aufwand

Für die Bekämpfungsmaßnahme auf 10,8 ha Staatswaldfläche (inkl. Puffer) waren pro Einsatz 3 bis 6 Arbeitskräfte aktiv. Die Fachkräfte zogen kleine Pflanzen heraus, größere wurden mittels Hohlspaten ausgegraben. Die Entsorgung der Biomasse fand auf einer Deponie statt.

Bei der ersten Bekämpfungsmaßnahme im Juni 2015 (Tab. 2) wurden alle mehrjährigen Pflanzen entfernt. Da diese gut anzupacken waren und aufgrund gegenseitiger Konkurrenz nicht extrem gedrängt stand, konnte mit 52 Arbeitsstunden pro Hektar die Fläche geräumt werden. Der sich im Folgenden aus der Samenbank entwickelnde Bestand war deutlich individuenreicher (Abb. 9). Die jungen Pflanzen sind kleiner und zerbrechlicher, deshalb musste vorsichtiger gearbeitet werden, damit keine Pflanzenteile im Boden verblieben. Folglich stieg der Arbeitsaufwand bei der Bekämpfung im September 2015 auf fast das Doppelte an. Ein ähnlich intensiver Einsatz musste im Sommer 2016 erbracht werden. Der Arbeitsaufwand ging erst im November 2016 spürbar zurück. Die Gründe liegen im Einbrechen der Samenbank und der damit verbundenen Reduktion der Individuenzahl sowie der steigenden Erfahrung des Teams.

 Es liegen Erfahrungen zum Einsatz von chemischen Bekämpfungsmitteln aus der Herkunftsregion des Neophyten vor. Die Mittel werden meist während des Keimlingsstadiums auf jedes Individuum aufgetragen. Vom Einsatz chemischer Substanzen wird im Regionalen Waldschutzgebiet Schwetzinger Hardt Abstand genommen. Zum einen ist das punktgenaue Auftragen der Substanz auf jeden einzelnen Keimling bei der Masse an Pflanzen in Phase B und C unrealistisch, zum andern können die Pflanzenvernichtungsmittel unerwünschte Nebeneffekte bei anderen Spezies und im Boden auslösen.

 

Ableitungen für die Praxis

Sollten die Auswirkungen dichter Phytolacca-Bestände unerwünscht sein, gilt es frühzeitig und schnell zu handeln. So lange sich der Bestand noch in der linearen Phase befindet sind Arbeitseinsatz und Kosten zur Eindämmung überschaubar. Wird der kritische Moment verpasst und die Pflanze kann eine Samenbank anlegen, "explodieren" die Flächenpflegekosten.

Das regelmäßige Ausgraben der Pflanzen mit kompletter Wurzel vor der Aussamung ist nach aktuellem Kenntnisstand eine erfolgreiche Maßnahme. Es empfiehlt sich, bei durchfeuchteten Böden zu arbeiten. Wichtig ist, die Pflanzen aus dem Gebiet zu entfernen und sachgerecht zu entsorgen. Auf einen Haufen werfen und verrotten lassen genügt nicht. Zum einen reifen unreife Früchte nach und bilden vitale Samen aus, zum anderen reicht die bei der Verrottung frei werdende Wärme und Feuchtigkeit, dass sowohl Wurzeln einwachsen und austreiben als auch Sprossbruchstücke sekundäre Wurzeln ausbilden können. Die Pflanze muss über thermische Verwertung abgetötet werden.

Soll ein bis dahin dunkel gehaltener Waldbestand mit Phytolacca-Vorkommen in dessen direktem Umfeld geöffnet werden, raten wir zu einem schnellen und intensiven Öffnen und sofortiger, regelmäßiger Pflege. Die angrenzenden Bestände sollten dabei möglichst geschlossen bleiben. In gewisser Weise können die Vektoren (v. a. Vögel) gesteuert werden, in dem man Waldbestände bandartig öffnet und linienartige Strukturen schafft. Diese werden als Sitzwarten angenommen, der Sameneintrag konzentriert sich dann an der Linienstruktur und findet weniger auf der Fläche statt.

Die Information der Bürger und des Forstpersonals zur Kermesbeere und zu Bekämpfungsmaßnahmen sind Teil des präventiven Handelns. Ziel ist es, die Menschen für die ökologischen Folgen durch dichte Kermesbeeren-Bestände zu sensibilisieren und die ständige Neukontaminierung von Wäldern zu unterbinden. Beispielsweise sollten keine Grünabfälle aus Gärten in den Wald geworfen werden. Es empfiehlt sich, Forstmaschinen, die in Kermesbeeren-Beständen eingesetzt wurden, vor der Weiterfahrt zu reinigen.

Die als giftig beschriebene Kermesbeere wird in der Ethnomedizin als Speise- und Färbepflanze angesprochen. Wir raten dennoch von jeglichem Verzehr ab, auch gilt es, das Fressverhalten von Weidetieren an der Kermesbeere zu beobachten. Wird in einem Kermesbeerenbestand gearbeitet, empfehlen wir das Tragen von langärmliger Kleidung, eng anliegender Schutzbrille und einer Atemmaske. Denn werden Pflanzensäfte zerstäubt, können diese über die Schleimhäute in den Körper eindringen und belastend auf das Atemsystem wirken sowie Augenreizungen hervorrufen.

Phytolacca americana ist dabei, sich in die Flora Deutschlands einzubürgern und flächig zu etablieren. Sie hat ihr räumliches Potenzial in Europa noch nicht ausgeschöpft und wird in den kommenden Jahren entlang der Flüsse und menschlicher Infrastruktur in neue Gebiete vordringen. Wahrscheinlich ist sie zudem ein Profiteur des Klimawandels, was bedeutet, dass das von ihr besiedelbare Standortpotenzial größer wird.

In den kommenden Jahren werden die oben beschriebenen Tests reproduziert und um weitere Verfahren ergänzt. Wir hoffen, effiziente und kostengünstige Maßnahmensets zu entwickeln, die in verschiedene Regionen und Waldtypen übertragbar sind.

Für die forstlichen Akteure gilt: Sollte die Kermesbeere bei Ihnen unerwünscht sein, handeln sie sofort!

 

Weitere Bekämpfungstests

 

Um herauszufinden, ob neben dem Ausgraben noch andere mechanische Bekämpfungsmethoden erfolgversprechend sind (Tab. 3), werden seit Sommer 2016 in einem anderen Kermesbeerenbestand in der stabilen Phase verschiedene solcher Maßnahmen systematisch erprobt. Dabei werden Wurzeln zerstochen, Sprosse zerschlagen oder durch Walzen zerquetscht. Ergebnisse sind ab der dritten Wiederholung ab 2018 zu erwarten. 

 

Methode Prinzip
Senkrechter Spatenstich Regeneratives Zentrum der Wurzel mit Spaten zerstechen, Kontamination mit Pathogenen provozieren.
Senkrechter Spatenstich, gekreuzt Regeneratives Zentrum der Wurzel mit Spaten zweifach zerstechen, Kontamination mit Pathogenen provozieren.
Keulen Sprosse zerschlagen,
Austrocknen und Kontamination mit Pathogenen provozieren.
Mähen Sprosse zerfetzen,
Austrocknen und Kontamination mit Pathogenen provozieren.
Walzen Sprosse zerquetschen,
Austrocknen und Kontamination mit Pathogenen provozieren.
Abschieben Abschieben der Pflanzen inkl. 10 cm Oberboden mittels Frontlader: Zerreißen der Wurzeln, Entfernen der Pflanzen und großer Teile der Samenbank.
Nullfläche Nicht bearbeiteter Bestand zur Kontrolle.

 

Kermesbeere2021@freenet.de